Aus: Lotti Anderson trinkt Eierlikör - neobooks-Link  



Am vierundzwanzigsten Zwölften um zwanzig Uhr sechzehn beschloss Lotti Anderson, sich ihres Ehemannes zu entledigen. Gedankenverloren knetete sie ein zwanzig Euro High-Tech-Koi-Karpfen-Putztuch in ihrer Rechten. Ihr Mann hatte es ihr vor ein paar Minuten festlich verpackt überreicht.

In der anderen hielt sie eine Eierlikörflasche aus dem Discounter um die Ecke. Ein weiteres Geschenk mit dem Heinz-Herrman sie ‚Alle Jahre wieder’, zum Festtag bedachte. Sich selbst hatte er einen neuen Laserdrucker gegönnt. Stolz wie ein Pfau war er in sein Arbeitszimmer verschwunden, um ihn zu installieren.

Lotti schraubte die Flasche auf, schenkte sich ein, roch das Aroma, ein wenig chemisch nach Medizin, nippte, schmeckte die Süße und den scharfen Alkohol. Lange betrachtete sie die cremige, gelbe Flüssigkeit in ihrem Glas. Endlich huschte ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht.

Sie warf das Putztuch auf den Couchtisch, leerte ihr Glas in einem Zug, stellte es ab und lief in ihre ‚Nähecke’ am Fenster. Grobe, dicke Gardinen, in denen sich der Staub fing, wenn man sie nicht alle paar Wochen wusch, und grünsamtene Übergardinen verdunkelten das Wohnzimmer, das altdeutsch, ganz nach Heinz-Herrmans Geschmack eingerichtet war.

Den Nähtisch, ihren Arbeitsplatz verhüllte Lotti stets mit einer dunklen Decke, wenn sie IHN kommen hörte, damit er nicht darauf kam, dass sie ihn als Computertisch zweckentfremdete.

Schon vor über einem Jahr hatte sie die Nähmaschine im Schlafzimmerschrank verstaut. Wer nähte noch selbst, wenn der Stoff für einen Rock teurer war als für drei fertige im Schlussverkauf? Wer stopfte noch Strümpfe oder Unterwäsche, wenn es fünf Teile zum Vorteilspreis gab?

Lotti setzte sich auf den Schreibtischstuhl und starrte auf die ausladenden Blätter ihrer Banane, die so leicht brachen. Was technische Dinge anbelangte, war Heinz-Herrman nicht sonderlich geschickt. Ob sie es wagen konnte, ihren Laptop einzuschalten, um im Internet irgendein Rattengift für ihn zu besorgen?

Lotti verwarf den Gedanken. Sie erhob sich, kehrte an den Wohnzimmertisch zurück und schenkte sich Eierlikör nach. Ein ordentliches Glas voll. Sie grübelte noch eine Weile, war schon versucht ihren Groll herunterzuschlucken, doch dann streifte ihr Blick das weiße, mit roten Kugeln und künstlichem Schnee bestäubte Plastikbäumchen, das auf den dunkelbraunen Fliesen des Couchtisches stand.

 

Als Hans-Herrman um halb zehn gut gelaunt aus dem Arbeitszimmer kam, zog Lotti sich in ihr Bett zurück, wo sie sich ruhelos von einer Seite auf die andere rollte.

Pünktlich um elf kam Heinz-Herrman. Kaum eine Viertelstunde später schlummerte er selig. Lotti lauschte seinem unregelmäßigen Schnarchen, schlug die Decke zur Seite und schlich auf Zehenspitzen zu seinem Computer.

In den schlaflosen Stunden hatte sie beschlossen, herauszufinden, womit Heinz-Herrman sich Tag um Tag, Stunde um Stunde am Computer befasste. Er schrieb. Doch was genau, wusste Lotti nicht. Nie erzählte er etwas, nie las er aus seinen Werken vor, nie bat er um ihren Rat.

Lotti startete seinen Computer, tippte beim Passwort nach kurzer Überlegung „HeHeAnderson“ ein - er war ja so stolz auf seinen lustigen Namen - und klickte sich durch. Sie öffnete Heinz-Herrmans Schreibprogramm, zog einen Memorystick aus ihrer Pyjamajacke und kopierte alle Dateien, die ihm wichtig zu sein schienen. Und mit einem Ohr lauschte sie dabei seinem Schnarchen. Zuletzt fuhr sie den Computer herunter.

Erleichtert schob Lotti in ihrer ‚Nähecke’ die Lesebrille zurecht, klickte die Datei an, die sie für am aufschlussreichsten hielt und fing an, zu lesen. Erstaunt riss sie die Augen auf. Es handelte sich um ein Anschreiben an einen Verlag:

 

Sehr geehrte Damen und Herrn,

mein Roman ‚Im fünften Jahr des Spliss’ spielt im Jahr 2078 n. Chr. - im 5. Jahr des Spliss. Spliss ist ein gigantischer Supercomputer, der mit hinterhältigsten Mitteln seinen eigenen Erzeuger entmachtet hat, um selbst die absolute Weltherrschaft zu erlangen.

 

Ende der Leseprobe

               

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